• Dane.B.Rock

Eine Familiengeschichte:

Zurück zu meinen irdischen Wurzeln. Eine austauschbare Geschichte.

Fangen wir bei meinem Großvater mütterlicherseits an. Er wurde geboren, unehelich, Anfang des 20. Jhd.

Seine Mutter, ein bildhübsches Mädchen in den Diensten einer adligen Familie. Der Sohn der adligen Familie verliebt sich in sie und meine Urgroßmutter wird schwanger. Nicht dem Stand der Familie würdig, abgewiesen und auf sich gestellt zieht sie ihren bildhübschen blond gelockten Sohn groß. Geächtet von der Kirche und der Gesellschaft. Durch ihr liebevolles Wesen zieht sie trotz aller moralischen Regeln, einen Mann in ihr Leben, der sich hingebungsvoll um die Familie kümmert. Doch ein paar Jahre später erleidet Urgroßmutter eine Lungenentzündung, von der sie sich nicht mehr erholt. Im Sterbebett bittet sie ihre Schwester, ihren Lebenspartner, ihrem Sohn zur Liebe zu heiraten. In dieser verzweifelten Situation erfüllt sie ihrer Schwester den letzten Willen und gibt ihre eigene große Liebe auf, um heile Familie mit einem Mann zu spielen, den sie weder kannte, noch mochte. Die moralischen Anforderungen dieser Zeit brechen allen das Herz, sodass der Stiefvater, der einzige wirkliche liebevolle Bezugspunkt meines Opas, kurz darauf an Herzversagen verstarb. Zurück bleibt ein Kind mit einer Stiefmutter, die überfordert, durch ihre eigene aufopfernde Entscheidung, nur noch in Hass versinkt, was sie auf das Kind projiziert, weil es der einzige Zeuge ihres verpfuschten Lebens ist, der übrig geblieben ist. So zieht sich das Leid weiter fort in die nächste Generation. Mein Opa bekam nie das was er sich wünschte, wurde von anderen Kindern blöderweise diskriminiert, weil diese die Meinung ihrer Eltern, der Schule und der Kirche übernahmen.

Meine Mutter kam auf die Welt, kurz vor dem 2. Weltkrieg. Mein Opa hat alles gegeben, was ihm möglich war, um liebevoll zu sein, doch es konnte nicht viel sein, weil er nie gelernt hatte, was Liebe ist. Er hatte nur gelernt wie sich Ablehnung, Trennung und Angst anfühlt. Alles andere als unser natürlicher Zustand.

So konnte er meiner Mutter auch wieder nur eine Reduzierung ihres natürlichen Ursprungs vermitteln.

Meine Mutter war immer sehr kränklich. Sie war trotzdem immer die Klassenbeste, ob ganz freiwillig – das weiß ich nicht. Sie wurde Lehrerin, obwohl Kinder sie sehr überforderten. Sie wurde schwanger und ich trat in ihr Leben, mit Hilfe meines Vaters, der auch seine Geschichten mitbrachte. Sein Vater zu seiner Zeit engagierter Nationalsozialist, in der SS und später Kriegsgefangener in Russland. Nie wurde darüber ein Wort in der Familie verloren. Zurück blieb mein Vater, ein sehr sensibles Kind, dass unter den Kriegsumständen nicht die Antworten erhielt, die er bekommen wollte. Auch er entschied sich später für den Lehrerberuf.

Also da war ich nun inmitten von Lehrern und Eltern, die bedingungslose Liebe nie kennengelernt hatten.

Meine Mutter beschwert sich heute noch über die Geburtsschmerzen, die sie durch mich erlitten hat und das mit über 80 Jahren!

Ungefähr 50 Jahre zurück, also knapp 3 Jahre nach meiner Geburt, hat sich eine Tragödie im Leben meiner Eltern ergeben.

Meine Mutter hatte wohl eine Virusgrippe und war sehr schwach, sodass ihre Eltern zur Unterstützung aus Frankreich angereist waren. Meine Eltern haben sich übrigens bei einem der ersten deutsch-französischen Schüleraustausche, nach dem Krieg in den 1950er Jahren, kennen gelernt. Meine französische Mutter hatte meinen Vater, dessen Name auf einem gefalteten Zettel aus einem Loskörbchen herausgezogen, was sie für immer vereinen sollte. Eine tolle Musterauflösung zum Thema deutsch-französische Feindschaft.

Meine Mutter lag also im Zuge ihrer Virusgrippe zusammengebrochen auf dem Schlafzimmerboden und meine Großeltern hatten aufgrund ihrer Sprachbarrieren nicht den Mut die Nachbarn um Hilfe zu bitten. Sie warteten ab, bis mein Vater aus der Schule nach Hause kam. Meine Mutter wurde ins Krankenhaus eingeliefert und ihre Chancen standen schlecht, bis ein ehemaliger Kollege meiner Mutter, der französischen in Deutschland stationierten Garnison, einen Notkrankentransport, mit einem Hubschrauber in eine Spezialklinik nach Straßburg, veranlasste. Diese Geschichte lieben meine Eltern noch bis heute zu erzählen.

Nun waren auf einmal alle ganz hektisch und aufgeregt und meine Mutter verschwunden. Im Kleinkindalter gibt man sich ohnehin für alles die Schuld und dann sagten meine Eltern mir, dass es wahrscheinlich an den Folgen meiner Geburt lag, von der sich meine Mutter nicht richtig erholt hatte. Ich glaube das war der Zeitpunkt, ab dem ich beschloss, nichts mehr sehen zu wollen, eine dicke Brille bekam und depressiv wurde...


Es war meine Entscheidung, an der ich sehr lange festgehalten habe.




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